Sonntag, 15. März 2015


15. März 2015 

Ich habe mich draussen unter einen blühenden Strauch gesetzt. So im Halbschatten lässt sich‘s am Vormittag friedlich über die vergangenen Tage nachdenken. Die Regenzeit hat Vieles zu Erblühen gebracht, auch die unbebauten Flächen und Wegränder stehen im Moment in voller farbiger Blütenpracht. Manchmal kommt es mir zwar vor wie ein Hohn über all dem daneben liegenden Abfall, als wollte die Natur beweisen, dass sie doch stärker sei. 

Die Stärke der Natur hat sich diese Woche allerdings nahe der Küste zwischen Benguela und Lobito auch sehr negativ zum Ausdruck gebracht. Nach äusserst heftigen Niederschlägen, wie angeblich seit 40 Jahren nie mehr, hat sich das Wasser in Strömen von den dahinter auf sandigen Hügeln liegenden Bairros ins Talbecken gestürzt. Dabei wurde neben Abfall und Sand alles mitgerissen, was nicht niet- und nagelfest war und in Windeseile die im Talboden angesiedelten Häuser und Hütten überschwemmt. Selbst das neuere Schulhausgebäude stand bis zu 2/3 im Wasser und Schlamm. Die bereits eingebrochene Dunkelheit zu Zeitpunkt der Katastrophe dürfte das Chaos noch verschlimmert haben. Jedenfalls sind bis jetzt 70 Tote zu beklagen, darunter auch viele Kinder. Von einem Bekannten erfuhren wir, dass aus seiner Familie sieben Mitglieder in den Tod gerissen wurden, von den Grosseltern bis zum Kleinkind. Die Regierung bedauert den Vorfall, verweist aber darauf, dass die Leute unerlaubter Weise auf Risikogebiet gebaut hätten, obwohl sie daselbst auch ein Schulhaus hingestellt hat.  

Zu erwähnen bleibt vielleicht, dass die meisten dieser sogenannt „illegalen Bairros“ in Kriegszeiten entstanden, als die Mensch aus den umkämpften Gebieten in die Peripherie der Städte geflohen sind. Die Frage stellt sich da freilich: warum gehen die Menschen nicht zurück? Dazu gibt es sicherlich verschiedene Gründe.

Einerseits investiert die Regierung infrastrukturell vorwiegend in städtische Gebiete, während die Infrastruktur in abgelegenen Gebieten sich mit derjenigen vor 50 und mehr Jahren vergleichen lässt. Andererseits sind Kriegsverbrechen nie aufgearbeitet worden und so gibt es sicher auch viele Männer die mit ihren Familien, die infolge der Vergangenheit nicht zurückkehren wollen oder können. Andere wiederum die sich bereits an das Leben mit der städtischen Vielfalt gewöhnt haben oder Jüngere, die gar nichts anderes kennen fürchten sich oft vor der zu erwartenden Isolation auf dem Lande. Wieder andere scheuen sich vor der harten, oft unproduktiven Landarbeit und schlagen sich lieber mit Gelegenheitsarbeiten in der Stadt durch oder hoffen immer noch auf das „grosse Los“. Nicht zuletzt sind nach der langen Zeit viele Gebiete anderweitig besetzt und es ist dann vor allem ohne entsprechenden Landtitel schwierig einen Anspruch geltend zu machen. Und da die Familienstrukturen in der Stadt oft nicht intakt sind, ist es vor allem für Männer ein Leichtes, sich aus der Verantwortung zu ziehen und im nächsten Bairro zu einer andern Frau zu ziehen. 

Nebst unserer Arbeit die auch immer wieder positive Ergebnisse zeitigt, konnten wir uns diese Woche darüber freuen, endlich unsere Pässe mit dem erneuten Jahresvisum abzuholen, nachdem wir sie zu diesem Zweck bereits Ende Dezember eingereicht hatten. In der Schweiz heisst es ja bekanntlich: Demokratische Mühlen mahlen langsam. Doch hier mahlen sie anscheinend noch langsamer, vielleicht auch weil es sich nur dem Logo nach um eine Demokratie handelt, die Realität zeichnet ein anderes Bild. So standen wir denn trotz Avis, dass unsere Pässe abholbereit seien noch eine knappe Stunde zusammen mit anderen Menschen, die kamen und gingen, vor dem entsprechenden Büro. Die Gespräche, die wir mit Bekannten führten, die Tarcisio vor Ort traf verkürzten uns die Zeit. Dabei beachteten wir den einen Mann gar nicht, der auch dort sass, von dem wir nachträglich erfuhren, dass es ein Lauscher war, dessen Aufgabe es sei, die Gespräche der Wartenden mit zu verfolgen. Der ehemalige Ostblock lässt grüssen, schliesslich hat der Präsident in Moskau studiert und seine Garde dürfte auch entsprechend ausgebildet worden sein.

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