2. April 2017
Es gibt hier eine Redewendung, die das Verhältnis zur Zeit
von Afrikanern und Europäern auf den Punkt bringt: Wir haben die Zeit und ihr die Uhr. Freilich gilt dies heute auch
nicht mehr für alle Afrikaner im selben Mass. Doch wie treffend es die
Situation im Landesinneren schildert, haben wir während der wenigen Tage, die
wir im Kimbo (kleine Hüttensiedlung im Landesinnern) von Tarcisio verbracht
haben, hautnah erlebt. Hier ist die Zeit buchstäblich stehen geblieben. Ausser
dass das Natel eine neue Verbindung ermöglicht und einige Männer ein Mopet
besitzen, spielt sich das Leben ab wie vor hundert Jahren. Die Menschen leben
in mit Stroh bedeckten Hütten, kennen praktisch nur handgefertigte Werkzeuge,
pflügen mit einem einfachen von zwei Ochsen gezogenen Pflug und kochen in der
Hütte über offenem Feuer, wo die Frauen auch auf dem Boden vorgängig das
Maismehl gestampft haben, das sie für ihren täglichen Maisbrei benötigen.
Während wir im Haus von Tarcisio Renovationsarbeiten ausführten, sassen
draussen Frauen auf dem Boden und klopften mit einer Art einfacher Holzknüppel
die Maiskörner aus den Kolben. Dabei erzählten sie sich über Stunden Geschichten
und tauschten Neuigkeiten aus. Mit aller Deutlichkeit wurde uns beim Zusehen
bewusst, welch immenser Aufwand dahintersteckt, bis die Frauen die tägliche
Nahrung für ihre Familie zubereitet haben. Erst muss ja das Feld bestellt
werden, was eher die Arbeit der Männer ist, dann der Mais gepflanzt und
geerntet werden, schliesslich die Körner vom Kolben geklopft und die Spreu vom
Mais getrennt werden, letzterer dann gewaschen und getrocknet, gemahlen und oft
nochmals gewaschen und getrocknet werden – und dies alles in mühsamer
Handarbeit. Zum Mahlen bleibt zu erwähnen, dass die Körner auf einem flachen
Stein zu Mehl zerrieben werden. Ob sich ein solcher Zeitaufwand gewinnbringend
lohnt? Dahinter muss wohl doch ein grosses Fragezeichen gesetzt werden.
Freilich stellt sich immer die Frage, welches der sinnvollste Weg in der
Entwicklungshilfe ist; doch gar nichts zu tun für die Landbevölkerung, wie es
die Regierung grössten Teils praktiziert, kann wohl auch nicht die Lösung sein.
Beim Sing-Sang der klopfenden Frauen und der sich mir aufdrängenden Frage nach
der Effizienz dieser Tätigkeit, erinnerte ich mich an eine Geschichte, die ich
euch nicht vorenthalten möchte und die auch aufzeigt, wie schwierig die Antwort
auf diese Frage ist.
In einem mexikanischen
Fischerdorf beobachtete ein amerikanischer Urlauber, wie ein einheimischer
Fischer mit seinem Bötchen anlegte und den Fang des Morgens auslud. Der
Amerikaner, ein erfolgreicher Professor für Betriebswirtschaft wollte dem Mann
einen kostbaren Rat geben und fragte ihn deshalb, warum er schon so früh am Tag
mit der Arbeit aufhöre.
„Ich habe genug Fisch
gefangen, um meine Familie zu ernähren und etwas davon zu verkaufen. Jetzt möchte
ich mit meiner Frau zu Mittag essen und nach der Siesta mit meinen Kindern
spielen. Am Abend werde ich dann auf einen Drink in die Cantina gehen und mit
meinen Freunden Musik machen.
Der BWL-Professor wies
den Mexikaner darauf hin, dass er mehr Geld verdienen könne: „Wenn Sie bis zum
späten Nachmittag fischen, fangen Sie doppelt so viel, können mehr verkaufen
und von dem Erlös in sechs oder neun Monaten ein grösseres Boot kaufen und
Mitarbeiter anheuern. Damit fangen Sie dann vier Mal so viel. Damit können Sie
ein zweites Boot kaufen. Wenn Sie dieses Programm weiter verfolgen, könnten Sie
in sechs, sieben Jahren stolzer Besitzer einer erfolgreichen Fischereiflotte
sein.“ Sie könnten an die Börse gehen und zum Multimillionär werden.“ Der
Fischer hörte sich interessiert an, was dieser berühmte Professor zu sagen
hatte und fragte schliesslich: „Aber Señor, was sollte ich mit so vielen
Millionen anfangen?“
Sie könnten sich ein
hübsches Haus in einem malerischen Fischerdorf kaufen und morgens mit einem
kleinen Bötchen zum Fischen hinausfahren. Jeden Tag könnten Sie gemütlich mit
Ihrer Frau zu Mittag essen, nach der Siesta mit Ihren Kindern spielen und
abends mit Ihren Freunden in der Cantina Tequila trinken. Mit einem solchen
Vermögen könnten Sie sich zur Ruhe setzen und dem Leben die schönen Seiten
abgewinnen“
„Aber Herr Professor,
genau das tue ich ja jetzt schon!“
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| ungebetener Küchenbesucher |
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| lösen der Maiskörner vom Kolben |
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| Spreu vom Mais trennen |
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| stampfen von Maismehl in der Küche |
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| pflügen |
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| zuschauen und warten auf den täglichen Maisbrei |
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| Transportmittel für Ware und Personen |
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| Maisernte |
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