Sonntag, 17. September 2017
Es gibt Vorkommnisse und Begebenheiten im Leben eines
Afrikaners, die für einen Europäer nicht leicht einzuordnen oder gar schwer
nachvollziehbar sind, da unsere Denkweise und Überlegungen doch eher realitätsbezogen
sind oder den Sinn einer Handlung hinterfragen und nicht zuletzt auch auf
Aufwand und Ertrag beruhen. Nicht unbedingt analog dazu das Denken und Handeln
eines Afrikaners, wenn ich mich mit den folgenden Begebenheiten konfrontiert
sehe.
Da sind beispielsweise die Beerdigungsfeiern oder Zeremonien.
Für einen Angolaner ist es selbstverständlich, daran teilzunehmen, sei der
Verstorbene ein Angehöriger, ein Freund, Nachbar oder Bekannter, manchmal auch
ein Bekannter eines Bekannten. Es ist praktisch ein ungeschriebenes Gesetzt das
erlaubt, deswegen jegliche Arbeit stehen und liegen zu lassen, handle es sich
nun um die Arbeit in einem Ministerium, Geschäft, Spital, Schule oder eines
einfachen Arbeiters. Diese Feierlichkeiten können oft mehrere Tage dauern, so
dass auch ein Angestellter seinen Dienst über diese Zeitspanne versäumen oder
ein Lehrer „unentschuldigt“ den Unterricht ausfallen lassen kann – die Kinder
freut‘s! Wie zu besonderen Festanlässen üblich, müssen dann ein oder je nach
Anzahl Gäste mehrere Ochsen geschlachtet werden. Dass beispielsweise die arme
Witwe sich dadurch noch mehr in Schulden verstrickt, entzieht sich wohl den Überlegungen
der Anwesenden. Ebenso befremdend für uns ist die Tatsache, dass ein Ochse eher
für ein Leichenmahl aufgespart wird, als damit ein Erlös für rechtzeitige
Spitaleinweisung generiert würde. Für die Anwesenden steht, was sicher eine
lobenswerte Geste ist, die Solidarität mit den Betroffenen im Vordergrund,
während über die ausfallenden Arbeitsstunden bei den hier so häufigen
Beerdigungen sich kaum jemand Gedanken machen wird.
Ein anderer nicht so leicht einzuordnender Aspekt ist die
Maismehl-Produktion. Freilich kaufen auch viele Menschen vor allem in der Stadt
das Maismehl für ihren täglichen Maisbrei kiloweise oder wenn das Geld dafür
reicht, auch sackweise auf dem lokalen Markt ein. Viele jedoch verachten den
daraus hergestellten Maisbrei und es gibt Männer, die von ihren Frauen die
traditionelle Maismehl-Herstellung verlangen. Zur Ehrenrettung der Frauen
bleibt zu erwähnen, dass sie in der Regel mit Begeisterung bei dieser Arbeit
sind, vor allem wenn sie im Team durchgeführt wird, was den sozialen Aspekt
hervorhebt. Während auf dem Land die Maismehl-Herstellung damit beginnt, dass
die Frauen auf dem Boden sitzend mit einer Art Keule die Maiskörner vom Kolben
schlagen, kaufen bei uns die Frauen die Körner sackweise. Darauf geht es zur
Mühle, wo in einem ersten Arbeitsgang die Schale von den Körnern abgerieben
wird. Zurück zu Hause wird durch Aufwirbeln der Körner in einer korbähnlichen
Schale die Spreu von den Maiskörnern aussortiert. Die Spreu wird getrocknet als
Schweinefutter verwendet, die Maiskörner gewaschen und während Stunden gewässert,
anschliessend auf Tüchern ausgebreitet halb getrocknet und wieder zur Maismühle
gefahren, wo sie gemahlen werden. Zum Schluss wird dem Mehl, welches wiederum
zum Trocknen auf Tüchern an der Sonne ausgebreitet wird, die noch vorhandene
Flüssigkeit entzogen, um letztendlich in Säcke abgefüllt zu werden. Mit dem
Argument, dass der direkte Kauf von Maismehl im Supermarkt oder auf dem lokalen
Markt mit Blick auf den gesamten Prozess viel günstiger und weniger
zeitaufreibend sei, stehst du im Abseits. Die Qualität sei eben viel besser,
was sich unserem Geschmack entzieht. Nach unserer Ansicht wird die
Geschmacksrichtung höchstens dadurch verändert, wenn die Körner nicht durch die
Mühle getrieben, sondern auf dem Stein zu Mehl geklopft werden, was die Frauen
im Landesinnern oft gemeinsam machen. Im Ganzen gesehen steht auch hier wahrscheinlich
der soziale Kontakt im Vordergrund, was ja auch durchaus seine Berechtigung
hat. Wenn ihr das nächste Mal eine Packung Maismehl in den Einkaufswagen legt,
erinnert ihr euch vielleicht an das aufwendige Procedere der
Maismehl-Herstellung hier. Dies ist ja im Allgemeinen das grosse Problem der
einfachen Bevölkerung: der grosse Teil des Tagesablaufs dreht sich lediglich um
Essens- und Wasserbeschaffung.
Vielleicht noch ein letztes Beispiel: der Kauf eines Huhns
resp. Poulets. Der Kauf eines solchen einheimischen Lebendhuhns ist wesentlich teurer
als ein tiefgekühltes Poulet im Supermarkt. Dazu kommt, dass beim ersteren nach
dem Schlachten und Rupfen (stellt euch mal diese Arbeit in eurer Küche vor!!!)
oft nicht mehr viel auf dem Knochen ist, und dass das Huhn meist zuerst im
Dampfkochtopf oder eben genügend lange in der Pfanne etwas gar gekocht werden
muss bevor es grilliert werden kann, damit du daran nicht die Zähne ausbeisst.
Doch unsere Logik wiegt die Tatsache, dass das einheimische eben traditionell
ist, nicht auf. Rechtfertigen kann dies nur die Tatsache, dass die tiefgekühlten
aus Brasilien oder der Türkei eingeflogen werden und keine Angaben über deren
Mästung enthalten (sprich auch Antibiotika), was den Einheimischen aber wohl
kaum bewusst ist. Die Tatsache, dass ein lebendes Tier eben Leben verkörpert,
spielt sowohl beim Ochsen, der vor der Schlachtung oft den Gästen präsentiert
wird wie auch beim Huhn eine vordergründige Rolle.
| Ausklopfen der Maiskörner vom Kolben |
| Spreu von Maiskörnern trennen |
| waschen der Maiskörner |
| Wässern der Maiskörner hinten zum Trocknen ausgebreitete Spreu vorne links Spreu |
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.