Sonntag, 4. August 2019


Sonntag, 4. August 2019

Am Freitag sind wir nach Quinjenje gefahren, so wenigstens hiess der Ort und die ca. 10 km entfernte Missionsstation Camela am Fusses des Berges Tovela damals, als wir in den 70iger Jahren daselbst arbeiteten. Heute steht an der Ortstafel Chinjenje und das Polizeiauto ist mit Tchinjenje beschriftet. So oder so lässt sich der Ort nicht mehr vergleichen mit damals, ist er nach dem Krieg doch rasant gewachsen. Auf der Missionsstation selbst sind die Spuren des Krieges immer noch sichtbar. So auch im Spital (resp, was davon heute noch steht), in welchem während der Vorkriegszeit (bis 1975) eine ganze Schweizer-Equipe tätig war, zu welcher auch wir zählten. Zur Erinnerung: während unseres letzten Aufenthaltes in Angola Anfang dieses Jahres haben wir mit der Renovation des Gebäudes begonnen, in welchem die genannte Schweizer-Equipe untergebracht war. Der gestrige Tag diente denn auch dazu, die Arbeiten zu kontrollieren, die unsere Maurer-Equipe während unserer Abwesenheit ausgeführt hatte. Danebst galt es die weitere detaillierte Fortführung der Renovation zu besprechen, welche noch einiges an Arbeit erfordert. Ausserdem kraxelten wir etwas den Hang zum angrenzenden Berg hinauf auf der Suche nach einer versiegen Wasserquelle resp. des dazu gehörenden Wassertanks, den wir nach einiger Suche denn auch fanden. Unsere Idee wäre, das Wasser einer anderen Quelle in den noch vorhandenen Tank zu leiten und anschliessend der Station zuzuführen. Im Weiteren galt es, ein Gebäude zu vermessen, welches für eine Krankenstation renoviert werden könnte. Unterstützung dafür haben wir vom ehemals hier tätigen Schweizer Arzt erhalten. Dass eine Krankenstation hier dringend notwendig wäre, zeigte sich auch gestern, wo ich drei Patienten mit schweren Wundinfektionen behandelt habe. In der Schweiz würde solchen Patienten Verantwortungslosigkeit vorgeworfen, weil sie sich nicht früher in ärztliche Behandlung begeben hätten. Doch hier – wenn du gar keine Möglichkeit hast?? Oft fehlt es freilich an der persönlichen Hygiene, was zum Teil aber auch wieder auf der Hand liegt, wenn du das Wasser kübelweise nach Hause schleppen musst. 

Doch immer wieder erleben wir auch positive Momente. So sprach mich an der Wasserstelle eine Frau an und erkundigte sich, wie es Patricio ergehe. Damit meinte sie unseren ersten Sohn der 1975 auf dieser Station geboren wurde. Auf meine Frage, weshalb sie sich an Patrick erinnere meinte sie, sie sei jenes interne Mädchen, welches den kleinen Patrick auf ihrem Rücken getragen habe! Eine weitere Frau hat uns auf unserem Rundgang eingeholt. Sie möchte uns gerne begrüssen, da sie vor dem Krieg als Hilfsschwester im Spital gearbeitet habe. Heute haben wir dasselbe noch mit einem Krankenpfleger erlebt. 

Der weitere wichtige Grund weshalb wir gerade jetzt nur für kurze Zeit die über 6-stündige Fahrt nach Quinjenje unternommen haben (morgen fahren wir wieder zurück), ist die Primiz von Abel Faria, der bereits seit einem Jahr als Diakon in Quinjenje tätig ist und mit welchem wir auch wegen seiner Familiengeschichte eng verbunden sind. Sein gleichnamiger Vater hat in den 70iger Jahren als Assistent im OP gearbeitet, während seine Mutter Veronika der Hebamme assistierte.  Die beiden haben sich im Spital kennen gelernt und später eine Krankenstation in ihrem Heimatort betreut. Von dort wurden sie während der ersten Kriegsjahre samt mit ihren damals 3 Kindern von den Rebellen in deren Basislager weit im Südosten des Landes entführt (Angola ist 34 mal grösser als die Schweiz). Nach dem Friedenschluss 2002 sind sie mit ihren 7, zum Teil bereits erwachsenen Kinder in ihre Heimat zurückgekehrt, wo der Vater leider 2006 infolge fehlender medizinischer Behandlungsmöglichkeiten verstorben ist. Doch durfte die Familie heute ein eindrückliches Fest miterleben. Solche Feste werden denn auch von der ganzen Bevölkerung mitgefeiert. So sind denn auch bereits schon am Samstag verschiedene Gruppen angereist, die alle unter freiem Himmel oder vor allem in den vorhandenen Ruinen übernachteten. Doch dies tut der Stimmung jeweils keinen Abbruch; bis in die Nacht hinein ertönte der Gesang. Eindrücklich sind dann aber auch vor allem die Gesänge und Tänze während eines solchen Gottesdienstes. Dass beim Dankes-Schlusstanz auch alle anwesenden Priester mitgetanzt haben, kann man sich in der Schweiz wohl weniger vorstellen. Auch haben wir uns bereits ein bisschen daran gewöhnt, dass der anschliessende Festschmaus nicht ganz europäischen Normen entspricht. Hauptsache, dass niemand hungernd das Fest verlassen muss und es in froher Erinnerung behält. Zum Schluss wollte auch noch der Administrator der Gemeinde Tchinjenje mit uns sprechen. Er sei emotional betroffen von unserem Einsatz und möchte uns gerne nach seinen Möglichkeiten unterstützen. Vielleicht dürfen wir doch einmal seine Hilfe in Anspruch nehmen, sie es auch nur dafür, dass die Strasse vom Dorf nach der Mission etwas in Stand gestellt würde, damit wir das nächste Mal gefahrlos mit dem Laster durchkommen. Jedenfalls hat Willi ihm diesen Floh ins Ohr gesetzt. Wollen mal sehen, ob im September, wenn wir wieder hierher fahren eine Überraschung auf uns wartet. 

P.S. Leider hat mein Laptop, den wir nach Quinjenje mitgenommen haben kein entsprechenden Eingang für den Chip meiner Fotokamera. Muss Euch deshalb auf später vertrösten.

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